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 Betreff des Beitrags: Der Sklave von Menetés
BeitragVerfasst: So 4. Dez 2016, 10:26 
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Registriert: So 13. Apr 2008, 16:03
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Vor drei oder vier Jahrhunderten entführten Piraten bei einem Überfall auf Karpathos einen siebenjährigen Jungen, das einzige Kind einer Frau aus Menetés, und verkauften ihn auf den Sklavenmärkten Anatoliens. Die schmerzerfüllte Mutter setzte ihre ganze Hoffnung auf die Panagia, die sie jeden Tag bat, ihr doch ihr Kind zurückzubringen, und ging dreißig Jahre lang jeden Samstag zur Agia Kiriaki, um die Öllämpchen anzuzünden.

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Als sie an einem dieser Samstage gerade dabei war, die Öllämpchen anzuzünden, hörte sie eine weibliche Stimme, die zu ihr sagte, sie solle den Fußpfad den Abhang hinunter nehmen, dann würde sie Neuigkeiten von ihrem Sohn erfahren. Nachdem sie den Abhang hinunter gegangen war, hörte sie wieder die Stimme, die ihr sagte, sie solle zum „Großen Mastixstrauch“ gehen. Als sie dort ankam, fand sie die Ikone der Panagia. Noch stand sie durch das Wunder sprachlos da, als vor ihr ein sonnengegerbter Mann erschien und sie fragte, welcher Weg denn nach Menetés führe.

Nachdem die Piraten den Sohn der Menediatissa entführt und auf dem Sklavenmarkt in Anatolien verkauft hatten, musste er, als er herangewachsen war, als Seemann auf einem Schiff arbeiten. Der siebenjährige Junge wußte, dass er von Karpathos stammte und von Menetés und behielt in seiner kindlichen Erinnerung einige Bilder von seinem Leben auf der Insel. Oftmals, wenn er auf dem karpathischen Meer unterwegs war und die Berge von Karpathos sah, klopfte sein Herz stark, denn er wußte, dass dort irgendwo seine Angehörigen lebten. Nach einigen Jahren fuhr das Schiff, das Holz nach Ägypten transportierte, etwas näher an der Insel vorbei, damit die Segel den Wind, der von den Bergen von Karpathos herabwehte, einfangen konnten.
Es war noch vor Tagesanbruch, als der Seemann die Berge von Karpathos sah, viel näher als alle anderen Male. Sein Herz schlug heftig und sein Wunsch, auf die Insel zu gelangen, wuchs. Da erschien vor ihm die Vision einer Frau, die ihn anspornte, ins Meer zu springen und an Land zu schwimmen. Doch er zauderte wegen das Abstands zum Land. Wieder erscheint die Vision und gibt ihm den Rat, einen Holzstamm ins Meer zu werfen und mit seiner Hilfe an die Küste zu gelangen. Diesmal zögerte er nicht, er sprang ins Meer und auf den Holzstamm gestützt sieht er, wie das Schiff sich allmählich entfernt.
Es war schon Tag geworden, als das Schiff sich auf dem Meer hinter dem Horizont verlor und der Sklave schwimmend die Küste erreichte und an Land ging. Er verschnaufte ein wenig und wegen der größeren Sicherheit begab er sich etwas ins Landesinnere, bis zum „Großen Mastixstrauch“, wo er die Frau aus Menetés traf. Auf seine Frage nach dem Weg nach Menetés erwiderte die Menediatissa, auch sie ginge dorthin und er könne mit ihr kommen, wenn er wolle. Aber als sie in Vathá angekommen waren, fing es an zu dämmern und die Menediatissa schlug ihm vor, die Nacht in ihrem Stavlo zu verbringen und am nächsten Morgen nach Menetés zu gehen.
Sie kochte etwas Improvisiertes und im Licht der Laterne aßen sie zu Abend. Bevor der Fremde sich auf dem Soufa, wo ihm die Menediatissa ein Lager hergerichtet hatte, schlafen legte, sah er die Ikone der Panagia auf dem Regal mit dem Öllämpchen und es dämmerte ihm etwas in seinem getrübten Hirn. Instinktiv oder aus irgendeiner alten Gewohnheit heraus bekreuzigte er sich und legte sich schlafen.
Doch die Menediatissa konnte nicht einschlafen. In ihrem Gehirn wälzte sie die Ikone der Panagia vom Mastixstrauch hin und her und in ihren Ohren dröhnte die Stimme, die zu ihr sagte: „Komm, ich habe Neuigkeiten von deinem Sohn“. Mit diesen Gedanken setzte sie sich neben den schlafenden Unbekannten, ohne ihre Augen von ihm abwenden zu können. Ihre Gedanken gingen zu ihrem Sohn und sie überlegte, wenn er noch lebte, wäre er etwa im gleichen Alter. Wie ein Blitz kam ihr plötzlich der Gedanke, dieser Fremde könnte ihr Sohn sein, auf den sie wartete und den ihr die Panagia gebracht hatte. Doch dann überkam ihr Herz wieder der Zweifel: „Die Panagia hat mir gesagt, sie hätte Neuigkeiten von meinem Sohn, nicht dass sie meinen Sohn selbst hätte“.
Vielleicht aber, dachte sie, hätte der Unbekannte eine Nachricht von ihrem Sohn, denn es schien so, als ob er aus fernen Ländern käme. Der Wunsch befiel sie, ihn zu wecken und zu fragen, aber als sie sah, wie tief er schlief, hatte sie Mitleid. Über dreißig Jahre hinweg war ihre Jugend beim Warten vergangen, so würde sie noch eine Nacht lang Geduld haben. Kaum hatte sie diesen Gedanken beendet, fing sie wieder von vorne an und quälte ihr Hirn, bis in die Morgenstunden, wo sie endlich Schlaf fand.
So hörte sie nicht den morgendlichen Hahnenschrei, der den Fremden weckte, der sie zu seinen Füßen schlafend vorfand. Dieser erhob sich vorsichtig, um sie nicht zu wecken, öffnete die Tür und ging hinaus. Sein Gehirn fing an, wieder klarer zu werden und instinktiv ging er zum Abort, der sich etwa 20 Meter hinter dem Stavlo befand. Er kam zurück und ging in das Backhaus, das neben dem Stavlo lag. Als er noch klein war, hatten sie dort einen großen Eimer, den sie mit Wasser füllten, um die Tiere zu tränken und um zu sich waschen. Jetzt fand er den Eimer leer, denn mit den Ereignissen des vorigen Tags hatte die Menediatissa keine Zeit gefunden, Wasser zu holen. Der Fremde nahm den Eimer und instinktiv ging er nach Vroutsás, dorthin, wo er mit seiner Mutter hingegangen war, als er klein war, um Wasser aus einer kleinen Quelle zu holen.
Inzwischen drang das Tageslicht durch die Türspalten in den Stavlo und die Menediatissa erwachte. Sie erschrak, als sie sah, dass der Fremde weg war und glaubte für einen Moment, dass die „Stimme“, die Ikone der Panagia und der Fremde nur ein Traum gewesen waren. Sie kam aber wieder zu sich, als sie das Lager sah, wo er in der Nacht geschlafen hatte und sprang auf. Sie öffnete die Tür, ging in den Hof und schaute ringsum, ob sie den Fremden irgendwo erblickte.
Es verging nicht viel Zeit und sie sieht ihn mit dem Eimer voll mit Wasser zurückkommen. Kaum als er bei ihr angekommen war und ihre Unruhe sah, sagt er zu ihr: „Der Eimer war leer und so bin ich nach Vroutsás gegangen, um Wasser zu holen“. Noch bevor der Fremde seine Worte richtig ausgesprochen hatte, hatte das Herz der Mutter verstanden: „Mein Junge!!!“ konnte sie gerade noch sagen, bevor sie ohnmächtig wurde. Der Sohn nahm seine Mutter in den Arm und lehnte sie an das Mäuerchen. Er wusch ihr das Gesicht mit etwas Wasser und die Mutter kam wieder zu sich. Die Panagia hatte ihr Wunder vollbracht!!!

Später wurde an der Stelle des „Großen Mastixstrauches“ eine Kapelle gebaut. Weil es in der Nähe ein ausgetrocknetes Bachbett mit dem Namen „Larniotis“ gab, erhielt sie den Namen Panagia Larniotissa oder einfach nur Larniotissa.

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 Betreff des Beitrags: Re: Der Sklave von Menetés
BeitragVerfasst: So 4. Dez 2016, 12:27 
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Γεια σου, Karpathiothe, ευχαριστώ πάρα πολύ für diese schöne, typisch griechische Geschichte. :thumb-up:
Ob wahr oder nicht - ich liebe solch alte, überlieferten Geschichten und freue mich schon auf den nächsten Besuch der beiden Kapellen.
Saludos de Andalucía
Kassandra :wink:

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 Betreff des Beitrags: Re: Der Sklave von Menetés
BeitragVerfasst: Fr 16. Dez 2016, 18:53 
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Wohnort: Nähe Köln
Schöne Geschichte und sehr passend zur Weihnachtszeit.
Liebe Grüße von Sissi


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Sklave von Menetés
BeitragVerfasst: Sa 17. Dez 2016, 17:34 
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Beiträge: 301
Wohnort: 56075 Koblenz
Einfach nur sehr schön.

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Gruß Schängel Koblenz
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