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 Betreff des Beitrags: Auf Kárpathos erschossen: Der Deserteur Alfred Eickworth
BeitragVerfasst: Mo 11. Mär 2019, 18:11 
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Die meisten Besucher der Insel Kárpathos werden das kleine Denkmal in Finíki kennen, das an die Überfahrt des Kaikis „Immakoláta“ nach Ägypten erinnert, nachdem die letzten Soldaten der deutschen Wehrmacht Anfang Oktober 1944 Kárpathos verlassen hatten und die Einwohner von Kárpathos die verbliebenen Italiener entwaffnet und sich selbst befreit hatten. Weniger bekannt ist allerdings, dass die „Immakoláta“ auch schon während der Besatzungszeit von den Besatzern für andere Unternehmungen im Zweiten Weltkrieg herangezogen wurde.

Die Deutschen hatten Kárpathos Anfang September 1943 besetzt, und obwohl sie nur über 800 Soldaten verfügten, war es ihnen gelungen, die Insel kampflos von den 2500 bis 3000 italienischen Soldaten zu übernehmen. Viele der auf Kárpathos eingesetzten deutschen Soldaten waren sogenannte „ehemalige Wehrunwürdige“, die jetzt dem VI. Infanterie-Festungsbataillon 999 angehörten, waren also früher als Kriminelle oder politisch Andersdenkende (Sozialdemokraten, Kommunisten) in Haft gewesen und leisteten auch in der Wehrmacht antifaschistischen Widerstand. Einer von ihnen, der Schlosser Alfred Eickworth, 1907 in Gablenz geboren, war nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in den Jahren 1933 und 1934 im Raum Crimmitschau aktiv im antifaschistischen Widerstand gewesen und deshalb zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt worden.

Als die Deutschen Kárpathos von den Italienern übernommen hatten, gab es einige italienische Soldaten, die sich durch Flucht vor den Deutschen in Sicherheit bringen wollten. Ungefähr 15 von ihnen versteckten sich auf Armáthia, einer kleinen Insel gegenüber von Kásos, und warteten dort auf eine Gelegenheit, nach Kreta zu gelangen.

Die Deutschen erfuhren von den Flüchtigen und fünf deutsche Soldaten, unter ihnen auch Alfred Eickworth, machten sich mit drei griechischen Seeleuten mit der „Immakoláta“ auf nach Armáthia, um die Flüchtigen zu verhaften. Auf Armáthia angekommen, blieben die Griechen und ein deutscher Soldat beim Boot zurück, während die anderen Deutschen die Insel durchsuchten. Alfred Eickworth nutzte die Gelegenheit und tötete mit dem Maschinengewehr seine drei Gefährten. Mit dem Maschinengewehr im Anschlag, kam er zum Boot zurück und gab die Anweisung, ihn nach Kreta zu bringen. Unter dem Vorwand, sie hätten nicht genug Benzin, konnten die Griechen ihn überzeugen, Kásos anzulaufen. Dort gelang es italienischen Faschisten und einigen Griechen, ihn zu verhaften. Er wurde nach Kárpathos zurückgebracht, doch gelang ihm dank der Hilfe eines anderen politischen Gefangenen aus dem Strafbatallion 999 die Flucht aus dem Gefängnis in Pigadia und er konnte sich ungefähr zwei Monate lang in den Bergen von Kárpathos verstecken.
Es gelang ihm zu überleben, denn einige der Soldaten der deutschen Wachstation bei Sikélaos an der Westküste unterhalb von Pilés waren ebenfalls Nazigegner und mit ihm befreundet, und der Karpathiote Vassilis Lyristis brachte ihm regelmäßig durch seinen zehnjährigen Enkel Georgios Lebensmittel und Wasser. Ein Baum war der geheime Treffpunkt, an ihm wurde die Tasche mit den Nahrungsmitteln aufgehängt.

Anfang November 1943 tauschten die Deutschen die Wachmannschaft aus und durchsetzten sie mit Offizieren und Unteroffizieren der regulären deutschen Armee, um die Zusammenarbeit mit dem Deserteur zu unterbinden. Eickworth wurde aufgespürt und von einer Streife gejagt, die das Feuer auf ihn eröffnete und ihn am Bauch verletzte. Dennoch gelang ihm erneut die Flucht.
Doch die Schlinge um ihn herum zog sich immer enger zu. Kurz vor Ende November 1943 spürte ein Trupp Deutscher den Deserteur auf und tötete ihn in der Gegend von Pilés.
Georgios Lyristis, der Alfred Eickworth mit Nahrungsmitteln versorgte, erinnert sich: „Wir konnten die Sprache nicht und die Verständigung war sehr schwierig, doch er tat was er konnte, mit einigen italienischen Wörtern und vielen Gesten gab er uns zu verstehen, wir sollten Geduld haben, bald sei Deutschland am Ende und der Wahnsinn des Krieges vorbei. Er war ein großer und kräftiger Mann, ein guter Mensch, er wollte nach Kreta fliehen und sich dort dem Widerstand anschließen, aber er schaffte es nicht. Ich erinnere mich an seine Besorgnis und seinen Hass auf die Nazis. Leider jagten ihn nicht nur Deutsche, es gab auch einheimische Spitzel, die ihn letztlich verpfiffen. Ich erinnere mich noch gut an das letzte Mal als ich ihn sah. Er war schon tot, sie hatten ihn getötet und sein Leichnam wurde direkt vor mir weggetragen, da rutschte sein Arm von der Trage. Ich bin arg erschrocken, einen Moment glaubte ich, er wäre am Leben.“


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 Betreff des Beitrags: Re: Auf Kárpathos erschossen: Der Deserteur Alfred Eickworth
BeitragVerfasst: Mo 11. Mär 2019, 20:46 
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Wie immer vielen Dank Karpathiote für diese geschichtliche Info.

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Gruß Schängel Koblenz
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