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 Betreff des Beitrags: Karpathos 1939 - Briefzensur und Inhaftierungen
BeitragVerfasst: Mi 18. Dez 2019, 18:21 
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Registriert: So 13. Apr 2008, 16:03
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Karpathos war wie die anderen Dodekanes-Inseln seit 1912 von Italien besetzt. Im Frühjahr 1939 liegt der schwere Kreuzer Fiume im Hafen von Pigadia. Offiziere überwachen das Ausladen der Ladung, Lastenträger schaffen schwere Holzkisten gefüllt mit Waffen von Bord, dazu auch Kanonen und sonstige Gegenstände, die im Krieg benötigt werden. Spyros Barianós, der abends die Lampen der Stadt anmacht und tagsüber als öffentlicher Ausrufer in den Straßen unterwegs ist, die Neuigkeiten verkündet und Aufträge entgegennimmt, ist an diesem Tag aufgeregt. Er ruft den Einheimischen zu, sie sollen ihre Häuser verlassen und vom Hafen wegbleiben. Dies führt zu Unruhe bei den Einheimischen. Die 28jährige Anna Karadimitríou greift zum Bleistift und verfasst aufgeregt einen Brief an ihren ausgewanderten Ehemann. Dieser war nach der Hochzeit in den Sudan ausgewandert, wo es Arbeit gab, und wo die Befehle der italienischen Besatzungsmacht nicht hinreichten.
„Erinnerst du dich, wie ich dir von dem großen Fisch geschrieben habe, mit dem ich Fischsuppe gemacht habe? Es kann sein, dass das unser letzter war! Hier kommen die Schiffe an und entladen Tag und Nacht große Kisten und merkwürdige Schachteln. Der Ausrufer schreit, wir sollen Pigadia verlassen. Ob es wohl Krieg gibt? Wer weiß! Und ich? Wohin soll ich gehen mit unserem Baby?“
Sie verschließt den Brief.
Die Tage vergehen, das große Schiff löst die Leinen und das Leben im Hafen nimmt wieder seinen gewohnten Gang.
Am 5. Juli 1939 macht sich Anna Karadimitríou auf den Weg zur Kirche Panagia Larniotissa, um dort das Öllämpchen anzuzünden. An der Kirchentür erreicht sie die Nachricht, sie solle auf der Polizeistation vorbeikommen, es läge etwas vor. Aufgeregt geht sie mit ihrem Bruder zu den Carabinieri. Wie hätte sie sich vorstellen können, dass es um ihren damaligen Brief an ihren Ehemann geht! Der Italiener vor ihr hat einen Stapel Briefe vor sich liegen, zuoberst den Brief von Anna Karadimitríou. Der Marisalo spricht von einem „Verbrechen“, denn mit ihrem Brief habe sie die militärischen Vorbereitungen verraten, und er als Chef könne absolut nichts machen, die Frau müsse verurteilt und beispielhaft bestraft werden!
So wird Anna Karadimitríou von Carabinieri abgeführt und in einer Zelle eingesperrt und steht unter der Anklage der Spionage. In den folgenden drei Tagen füllen sich die Gefängniszellen mit weiteren Frauen, auch aus Aperi und Othos. Alle sind jung und sehen sich derselben Anklage ausgesetzt: sie hätten in ihren Briefen die dramatischen Bedingungen auf der Insel beschrieben! Die Briefe waren geöffnet und zensiert worden, und aus heiterem Himmel waren die Verfasserinnen wegen Spionage inhaftiert! Die sechs Karpathiotinnen werden nach Rhodos gebracht und dort zu einer Freiheitsstrafe von 2 Jahren, 2 Monaten und 20 Tagen verurteilt. Anschließend werden sie nach Kos gebracht und dort im Gefängnis eingesperrt.
Einige Monate später besucht der italienische Justizminister das Gefängnis von Kos, erfährt von der Geschichte der Frauen und sagt zu ihnen, es handele sich um eine fehlerhafte Verurteilung und leitet die notwendigen Maßnahmen zu ihrer Freilassung ein. Doch aus unbekannten Gründen erfolgt diese nicht. Ein Jahr später kommt derselbe Justizminister wieder in Kos vorbei und erfährt, dass die Frauen noch immer inhaftiert sind. Er schafft es diesmal, dass sie nach anderthalb Jahren Gefängnis tatsächlich freikommen. Als die Frauen wieder nach Karpathos zurückkehren, ist der Krieg bereits ausgebrochen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Karpathos 1939 - Briefzensur und Inhaftierungen
BeitragVerfasst: Mi 18. Dez 2019, 23:22 
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Karpathiote, wie immer ein sehr lesenswerter Bericht.

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Gruß Schängel Koblenz
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